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Ueli Grass

Karl Kraus im Tal des Tödi

"Die letzten Tage der Menschheit" entstanden zum Teil in der Schweiz
Von Gerhard Strejcek

 
In Europa tobt der Erste Weltkrieg in wieder aufgeflammter Heftigkeit. Zu dieser Zeit weilt der österreichische Schriftsteller Karl Kraus im neutralen Ausland, in einer "Cur-Anstalt" im Schweizer Kanton Glarus; dort geht er viel spazieren, dort arbeitet er an dem Epilog zu dem Weltkriegsdrama "Die letzten Tage der Menschheit". Wie gelang es Kraus, in Kriegszeiten Österreich zu verlassen und sogar das englische Zimmermädchen seiner Geliebten, der Baronesse Sidonie Nádherny von Borutin, in die neutrale Schweiz mitzunehmen? Wer hielt im k. k. Ministerium des Inneren eine schützende Hand über Kraus und verteidigte ihn gegen fundierte Verdachtsmomente aus dem k. u. k. Kriegsministerium? Warum attestierten sogar von ihm heftig angegriffene Polizeifunktionäre dem "Fackel-Kraus" in erstaunlicher Hellsicht patriotische Verlässlichkeit? Wieso wandelte sich der Schriftsteller in der Schweiz vom Monarchisten zum Republikaner? Diese Fragen sind von den Kraus-Forschern Paul Schick und Edward Timms sowie den Kraus-Bewunderern Hans Weigel und Michael Horowitz zumindest teilweise beantwortet worden (siehe Literaturliste).

Das alte Hotel Tödi

Nach Tierfehd (Kraus nannte es noch "Thierfehd") am Tödi im Kanton Glarus zog sich der "Fackel"-Herausgeber, Literat und Zeitkritiker mehrmals zurück; auch 1917, zusammen mit seiner adeligen Geliebten. Hier fand Kraus Ausgleich und Ruhe, während im restlichen Europa der Krieg wütete. Erbauung und Erholung suchte und fand Kraus in einem alten Haus am Talende - einem lang gestreckten Holzgebäude im Glarner Land finden sich noch heute seine Spuren.

Tierfehd zu finden, das im Spätmittelalter die Grenzen eines riesigen Jagdgebiets ("Fehde" heißt altgermanisch "Jagd") markierte, ist ohne genaue Karten kein Leichtes. Von Feldkirch kommend, wendet sich der Fremde zunächst dem Rheintal entlang Richtung Süden, zweigt bei Sargans Richtung Zürich, also westlich ab und verlässt nach Passage des Walensees bei Niederurnen (an der Bahnlinie bei der Station Ziegelbrücke) die Hauptroute Richtung Näfels und Glarus taleinwärts wiederum gen Süden. Kraus, der gerne per Automobil reiste, Mitglied des Österreichischen Touring-Clubs war und sogar sein Testament in einem Kuvert der "Arbeitsgemeinschaft für das Kraftfahrwesen in Österreich, 1040 Wien, Wohllebengasse, 5/II, Feenruf (sic!) 50-1-95" aufbewahrte, hatte von Wien kommend also eine Strecke von mehr als 800 km zu überwinden.

Das Glarner Land bietet sich dem Besucher zur Osterzeit in großer Geschäftigkeit dar. Nicht anders wird es Kraus erlebt haben, allerdings ohne die heutigen Massen an Kraftfahrzeugen, die sich durch das Tal quälen. Weniger der Touristen- als der Berufsverkehr macht dem gemächlich Reisenden zu schaffen. Besonders zwischen dem Talbeginn, dem Ort Glarus, und dem rund 20 km taleinwärts liegenden Schwanden beleben viele Fahrzeuge, aber auch Passanten, vor allem Schulkinder und Mütter mit Kinderwagen, das Straßenbild. Ab Schwanden, dem Kreuzungspunkt zum Sernftal, und dem Skiort Elm wird es deutlich ruhiger, obgleich sich nun Dorf an Dorf entlang der Linth bis zum vorläufigen Endpunkt Linthal reiht und die Szenerie vollends ins Ländliche wechselt. In Linthal wendet die Eisenbahn und bietet dem Wanderer die Alternative, entweder Richtung Braunwald und dann per Seilbahn zum Eggstock (2.449 m) zu gelangen, oder per Bus, für sportliche auch zu Fuß, steil hinauf nach Tierfehd - dem Ziel unserer Reise. Der Autofahrer kann dem Talschluss entfliehen, indem er sich nach Westen, gleichfalls steil bergan, Richtung Urnerboden wendet. Der fast 2.000 m hohe Klausenpass ist aber bis zum Sommer gesperrt, sodass die Weiterreise nach Altdorf am Urner See verwehrt bleibt. Dementsprechend ruhig liegt auch Linthal im Frühling. Bei strahlendem Wetter wird die idyllische Fahrt Richtung Tierfehd durch den Anblick der Dreitausender rund um den Tödi (3.614 m) verschönt. Der höchste Berg der Region selbst hüllt sich allerdings - dem Großglockner nicht unähnlich - häufig in eine wolkig-neblige Hülle und entzieht sich so dem Blick, doch dafür entschädigen die herabglitzernden Gletscher rund um den Claridenfirn.

In Linthal, wo einige Alte und vereinzelt auch ein paar Junge auf Terrassen und Wirtshausbänken die Nachmittagssonne genießen, finden sich die ersten Hinweise auf das für die Umgebung viel zu groß erscheinende, altmodische Hotel in Tierfehd. Knapp vor der Ortseinfahrt wirbt gar ein modernistisch angehauchtes Plakat für den Urlaub in der grenzenlosen Einsamkeit des seltsam klingenden Weilers. Man darf als Autofahrer allerdings nicht den gelben Hinweisschildern nach "Tierfehd Tödi" folgen, sondern muss in einer markanten Rechtskurve, statt abzubiegen, jene Straße wählen, welche schnurgerade nach Tierfehd bergauf führt. Dort endlich angelangt, erinnert, abgesehen von dem holzverkleideten rotweißen "Kasten", der an längst vergangene Tage der Sommerfrische à la Semmering gemahnt, zunächst wenig an vergangene Tage. Der längliche Bau, der in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts errichtet wurde, liegt gerade so weit vom Talschluss entfernt, dass noch ausreichend Sonne auf und vor das Hotel fällt. Unweit des quer zur malerischen Linthschlucht stehenden Gebäudes, das auf Grund des großen Andrangs von reiselustigen Sommerfrischlern schon wenige Jahre nach seiner Eröffnung erweitert wurde, finden sich zwei schlichte, aber hässliche Zweckbauten aus den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Speicherkraftwerke Linthal

Der größere von beiden beherbergt die Verwaltung der Speicherkraftwerke Linthal, von deren Existenz mehrere Ausgleichsbecken, ein protziges Schaubild und eine Umspannanlage künden. Der andere, kleinere Zweckbau, Marke Pultdach-Kleingartenvilla, beherbergt die Talstation einer Seilbahn zum Muttsee. Genau genommen sind es zwei Seilbahnen, welche vom menschenleeren Parkplatz aus in schwindelerregender Weise gut 800 m hinauf bis zu einer vom Felsen ragenden Stütze führen. Grund für diese, angesichts des geringen Andrangs verschwenderisch anmutende, Konstruktion ist die Notwendigkeit, den Speicherboden das ganze Jahr über zu erreichen, auch dann, wenn die große Passagiergondelbahn technisch überholt wird. Der Antrieb der kleinen, nur mit einer eiförmigen Zweimanngondel und auch sonst nur spartanisch ausgerüsteten Nebenbahn, ist wie die Gesamtanlage selbst eine Meisterleistung Schweizer Ingenieurskunst. Der Betrachter fragt sich verwundert, wie es vor dem professionellen Einsatz von Hubschraubern zum Seiltransport möglich war, derartige Transportanlagen mit ihren tonnenschweren Seilen zu errichten. Aus dem Betonbau des Maschinenraums, der auch die wegen Revisionsarbeiten bis Juni außer Betrieb befindliche Hauptbahn beherbergt, kommt das Transmissionsseil durch eine runde kleine Öffnung und verschwindet im Nebenturm, aus welchem ein altmodisch wirkendes Antriebsrad ragt. Mehrfach muss die kleine Gondel wegen Sturmböen mitten in der Fahrt inne halten, sodass man den Technikern in diesem zugigen Gefährt ihren aussichtsreichen Aufenthalt überhaupt nicht neidet.

Im Sommer aber bietet die Gondelbahn eine hervorragende Ausgangsbasis für Bergwanderungen zu den hochgelegenen Hütten rund um den Mutt- und den Limmernsee. Eine Überquerung des Kistenpasses (2.638 m) führt über die Bifertenhütte hinab ins Tal nach Breil/Brigels in die bündnerische Surselva. Der nächstgelegene Dreitausender trägt den merkwürdigen Namen Selbstsanft (3.029 m), dann geht es Schlag auf Schlag: Bifertenstock (3.421 m), Piz Urlaun (3.359 m) und Tödi (3.614 m). Der Tödi ist nicht nur der König der umliegenden Gipfel, sondern auch Namensgeber mancher menschlichen Unternehmungen, wie z. B. einer Chemiefirma im Glarner Tal namens Tödiplast.

Dass der Reisende zur Unzeit gekommen ist, zeigt nicht nur die von emsigen Arbeitern umlagerte, sonst aber verlassene Muttseebahn, sondern auch das berühmte Hotel selbst, das am Besuchstag offiziell geschlossen ist. An der Westfront ist eine unauffällige Tafel angebracht, die neben der Gebäudegeschichte auch an die berühmte erste Alpenquerung des Ballonfahrers Beauclair erinnert, der von hier aus mit großem Hallo im Jahr 1906 startete, und auch an den Autor der "Letzten Tage der Menschheit". Jetzt steht der geschichtsträchtige Bau verlassen da. Am Sonntag trifft sich eine geschlossene Gesellschaft in den weitläufigen Gasträumen. Nur die Wirtin ist mit ihrem kleinen Sohn zugegen und richtet die Speisezimmer für neue Besuche her. Zwischen Tür und Angel und einem eben begonnenen Gespräch am Mobiltelefon erklärt sie mir, dass es neben der Hinweistafel auch noch eine markantere Erinnerung an Karl Kraus hier gäbe: dessen eigenhändigen Eintrag im Gästebuch. Doch dieses Dokument wird gerade im Aargau bei einer Ausstellung gezeigt.

Ich schreibe einen kurzen Erinnerungsbrief in die Heimat, der symbolträchtig knirschend im alten Postkasten an der Hotelwand verschwindet. Wie viele Karten haben hier schon Sommerfrischler eingeworfen, um ihre Freunde und Verwandten zu grüßen? Darüber grübelnd wende ich mich der Linthschlucht am Fuß des Gemisfairenstocks zu. Nach kurzem, aber recht beschwerlichem Spaziergang erreicht man diese vom Hotel aus. Es bedarf keiner angestrengten Fantasie, um Karl Kraus hier lustwandeln zu sehen, allerdings in einer etwas anderen Umgebung. Die Kraftwerksbauten, deren Narben trotz Rasen und neu angelegten Wegen immer noch erkennbar sind, müssen das Gesicht der Landschaft vor rund 30 Jahren markant verändert haben. Davon künden auch die fast wasserlosen, aber mit massiven Betonschutzbauten ausgestatteten Bachläufe, die vor dem Schluchteingang aufeinander treffen. Hinweisschilder warnen vor plötzlichem Anschwellen der Schotterbette, wenn - aus welchen Gründen immer - Wasser aus den Staubecken abgelassen werden sollte. Immerhin ist es den Schweizern, anders als ihren österreichischen Kollegen, gelungen, den Rest eines Wasserfalls zu erhalten und zu der Gäste Erbauung in die Linthschlucht stürzen zu lassen. In Kärntner Bergtälern, wie dem berühmten Tal der stürzenden Wasser, dem kärntnerischen Maltatal, ist es noch viel stiller geworden, seit die Speicher ihren Dienst aufgenommen haben.

Glarner Alpenkäse

Auf der Rückfahrt lockt der Volg-Laden in Rüti, wo man auf einer Tafel mit Kreide "Glarner Alpenkäse - Sehr Gut" anpreist (was sich später als unzutreffend erweist); dann fahre ich über Schwanden nach Elm, wo sich ein modern erschlossenes, kleines Skigebiet und mehrere militärische Gebäude (Kasernen, Garagen) befinden. Von Elm führt eine Schotterstraße Richtung Steinbach und Panixerpass; man sieht fast nur noch Militärfahrzeuge; ich kehre um und fahre durch das Sernftal zurück Richtung Schwanden. In Matt mache ich einen kurzen Umweg zur Seilbahn, die auf nur geringer Höhe in ein Wandergebiet Richtung Risetenpass führt. Ab Glarus beginnt wieder zäher Verkehr Richtung Niederurnen, durch Netstal bis Näfels, ab dort gelangt man auf den Autobahnzubringer Richtung Chur.

 

Literatur: Karl Kraus, Die letzten Tagen der Menschheit. Suhrkamp tb 1320, Frankfurt 1986.

Edward Timms, Karl Kraus. Satiriker der Apokalypse, Leben und Werk 1874-1918. Deuticke, Wien 1995.

Paul Schick, Karl Kraus. Rowohlt Bildmonografien 111, Reinbek bei Hamburg 1993.

Hans Weigel, Karl Kraus oder Die Macht der Ohnmacht. dtv, München 1973.

Michael Horowitz: Karl-Kraus-Bildbiografie, Orac, Wien (vergriffen).
 

Freitag, 30. April 2004

Urheberrechte bei: G Strejcek, eingeholt am: 5.11.2007

 

 Ueli Grass, 8783 Linthal

Künstler, Fotograf und Videoproduzent

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Zuletzt überarbeitet: 10.05.2010 13:04:14

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